Mathias Weis

Nadine Wölk

Anne Wölk

Recall, 2010, Mischt. auf Kunstfaser, 250 x 200 cm

High, 2008/09, Mischt. auf Leinwand, 165 x 200 cm

Wall, 2008/09, Mischt. auf Leinwand, 200 x 250 cm

Dying Day, 09, Mischt. auf Leinwand, 58 x 110 cm

Fragments, 08/09 Mischt. auf Leinwand, 120 x170 cm


Anne Wölk


Beim ersten Anblick aus der Ferne der Arbeiten von Anne Wölk stechen sofort die kräftigen Farben ins Auge: leuchtendes Pink trifft auf Grasgrün, Sonnengelb auf dunkles Schwarz, Eisblau auf Orange. Es fesseln auch die ungewöhnlichen Formate, denn es befi nden sich einige kreisrunde Leinwände darunter. Diese Eindrücke lassen den Betrachter näher heran treten, um die Motive erkennen zu können. Die Darstellungen stimmen dann jedoch zunächst ratlos, kombiniert die Künstlerin nicht nur märchenhaft-schillernde Farben, sondern auch phantastisch-irreale Szenerien. Sie stellt ihre Figuren in die Weite eines undefi nierbaren Raumes, welcher auch zum Abstrakten tendieren kann, dessen graphische Muster sich zu einem Deckengewölbe oder Wandgraffi ti zusammenschließen oder doch nur Traumgebilde sind. Als Betrachter möchte man diese Bilder verstehen, die sich dem Auge als Utopie, als illusionistische Erfi ndung und unwirkliche Erscheinung präsentieren. Auf der Suche nach der Lösung des Rätsels ergreifen diese Bilder wie ein Sog und ziehen den Betrachter in ihre Welt, in die er eintaucht, gefangen vom Spiel der Farben und motivischen Versatzstücke. Immer wieder trifft man dabei auf Vertrautes: Sind das Bäume, ein Wald vielleicht? Oder ist es doch eine Insel im weiten Ozean? Eisschollen treiben dahin, Berge, Pyramiden, ein Pärchen hat sich zusammen gefunden, in einem Wohnraum, einer Halle, unter freiem Himmel? All das kann man sehen, doch zusammenbringen kann man es nicht. Die Kontexte wirken fremdartig und verfremden damit die gesamte Szene. Oft wird der Raum aufgebrochen, Distanzen, Proportionen und Perspektiven verschieben sich. Eine Holzstruktur fungiert als Hintergrund, die Maserung jedoch erscheint vergrößert und somit nah am Auge des Betrachters. Eine kleine schwarze Kugel mit einer Lichtaura wiederum, gestaltet wie eine Eklipse, verortet das Auge auch bedingt durch die geringe Größe im fernen Firmament, jedoch beleuchtet sie Dinge im Vordergrund von vorn. Die Sehgewohnheiten des menschlichen Auges werden unterwandert, was man zu erkennen glaubt verschwindet wieder im Unklaren und Vieldeutigen. Das Licht nimmt in den Bildern ohnehin eine besonders mystifi zierende Stellung ein. Mal scheint es wie ein göttlicher Lichtkegel von oben, dann durchfl utet es als leuchtende Farberscheinung den Schauplatz. Das Thema des Kreises als ideale Form von vollkommener Symmetrie ohne Anfang und Ende findet sich nicht nur im Format, sondern auch in den zahlreichen kugeligen Gebilden, die mal wie nahe Planeten im Raum schweben, dann wieder als abstraktes Stilelement in Form von Punkten das Bild beleben. Die Holzmaserung kann auch als Farbschlieren des fl ießenden Wassers oder der Abendröte im Himmel auftauchen. Sich wiederholende Formationen unterliegen also der Veränderung und Variation, was die Zuordnung eines Begriffs zu einem Bildelement zusätzlich erschwert. Leere Sprechblasen tauchen unvermittelt auf, dann diese fremden Planeten, die so nah sind, dass sie auf die Erde zu stürzen scheinen. Doch ist das die Erde? Fotorealistische Versatzstücke mögen es zunächst glauben machen, doch diese surrealen Landschaften entziehen sich dem Vorstellungsvermögen des Betrachters. Die Bilder unterliegen einem scheinbaren Chaos, und doch wohnt ihnen eine geheime Ordnung inne, die das Bildgefüge, diese fremde Welt, zusammen hält. Es ist ein Wechselspiel von Figuration, unbestimmtem Raum, vermeintlich benennbaren Fragmenten und völlig abstrakten Elementen, das diese Bilder mit Spannung aufl ädt. Vor allem das Aufeinandertreffen von und Abstraktion bildet einen Knotenpunkt in den Arbeiten von Anne Wölk, was die Verfl echtung von Realität, Imagination und malerischer Konstruktion thematisiert.
Die Künstlerin untersucht und thematisiert das illusionistische Naturbild, es entstehen Darstellungen, die Wirklichkeit, Illusion und Imagination verschmelzen. Nicht nur in der Prominenz von Landschaft und Natur zeigt sich Anne Wölks Bezug zur Romantik. In dieser Epoche kam es zur Aufwertung der Pflanzen. Die Natur wurde zu einem emotionsbeladenem Ort einer neuen religiösen Erfahrung. Wichtig für die Künstlerin ist auch das Licht als Mittel zur Wiedergabe von Tageszeiten – man denke hier nur an die lichtmetaphysischen „Tageszeiten“ von Philipp Otto Runge – und die Abbildung des Firmaments als Zeichen des Schöpfungsgedankens. Und nicht zuletzt erinnern ganz konkret die Eismeerbilder oder die Baumgruppe auf einer Anhöhe an Gemälde wie „Das Kreuz im Gebirge“ oder „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich. Dies alles vermischt sich bei Anne Wölk mit modernen Graffi tis, Farbfeldern, die nur auf die Wirkung des Kolorits ausgerichtet sind und Filmstills, die der Künstlerin als Vorlage dienen. Eine ganz eigene Synthese, welche in ihrer Zusammenführung und Gegenüberstellung Bilder höchster Dynamik entstehen lässt. Wie ein Film aus Einzelbildern besteht, so bilden die Arbeiten von Anne Wölk ein Konglomerat illusionistischer Traumwelten voller stimmungsvoller Atmosphäre.

Anne Wölk wurde 1982 in Jena geboren. Zwischen 2001 und 2004 absolvierte sie ein Studium der Malerei an der „Burg Giebichenstein“ Hochschule für Kunst und Design Halle in der Klasse von Prof. Ute Pleuger und bei Beate Spalthoff. Im Jahre 2004 studierte sie Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee in der Klasse von Prof. Katharina Grosse und Prof. Antje Majewski. 2006 folgte ein Studienaufenthalt in London am Chelsea College of Art und ein Studienaufenthalt in Japan. 2007 erhielt sie ihr Diplom. Im Jahr darauf war sie Meisterschülerin bei Prof. Antje Majewski. Die junge Künstlerin erhielt bereits verschiedene Preise und Stipendien, so 2001 den 1. Preis für Malerei bei der 9. Thüringer Landesausstellung in Erfurt, 2004 bis 2008 ein Stipendium der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ in Bonn, 2006 ein Erasmus Stipendium am Chelsea College of Art, London und im Jahre 2008 ein Residenzstipendium vom Kunstverein Werkstatt Plettenberg, sowie eine Förderung durch die Marianne-Ingenwerth-Stiftung in Bonn. Anne Wölk hat ihre Arbeiten seit 2006 auf vielen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, z. B. in Tokio, München, Hamburg, Berlin, Istanbul, New York und Ljubljana.