Stefan Bräuniger

Oliver Czarnetta

Ruth Bussmann

Passanten XVII, 2009, Öl auf Leinwand, 120 x 160 c

17Uhr (49), 2009, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm

Passanten XXII, 2011, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm

4 x Stadt, 2010, Öl auf Holz, 24 x 30 cm


Ruth Bussmann

Zentrales Thema in den Arbeiten der Künstlerin Ruth Bussmann ist der Mensch. Vor den einfarbigen Farbfl ächen, die den Hinter- und Untergrund bilden, wandelt zumeist eine isolierte Figur, manchmal Paare, selten Gruppen. Viele dieser Gestalten wenden dem Betrachter den Rücken zu und distanzieren sich damit auch von ihm und seiner Lebenswelt. Wo die abstrakten Farbflächen der Umgebung zusammenstoßen, bildet sich eine vermeintliche Horizontlinie. Diese gänzlich zweidimensional ausgeführten Ebenen zeichnen diese Orte als nicht zur außerbildlichen Realität gehörig aus. Es ist wahrlich erstaunlich, wie sich in diesen Flächen unendliche Weiten und Tiefen im imaginierten Farbraum auftun. Jede Figur hat ihren Schatten, der sie meist als einziges auf ihrem Weg begleitet und eine Farbfläche erst als Untergrund kennzeichnet. In manchen Bildern weisen durch den Bildrand beschnittene Schlagschatten auf weitere Figuren außerhalb des Bildraumes hin. Diese Schatten bilden ein Negativ zu den in kräftig farbigen Tönen gemalten Menschenbildern und sind ebenso flach wie der zu beschreitende Untergrund. Nur die Figuren besitzen Dreidimensionalität. Ihre Körper sind durch das Licht- und Schattenspiel modelliert, deutlich heben sie sich von ihrem Umraum ab. Dem Licht kommt damit eine Schlüsselstellung zu, das Volumen erzeugt und Flächen Tiefe zuweist. Die Welt dieser Figuren besteht aus einem unbestimmten räumlichen Gefüge, ohne die Protagonisten wären die Bilder gänzlich abstrakt. Die scharfen Begrenzungen der Schatten und abstrakten Flächen verleihen den Bildern große Klarheit und Prägnanz. Die Figuren durchschreiten den Bildraum, durchmessen mit sicherem Schritt die undefi nierte Landschaft, haben ihr Ziel fest vor Augen. Dem Betrachter bleibt dieses Ziel jedoch verborgen. Wohin sie gehen ist ebenso unbekannt wie der Ort, woher sie gekommen sind. Auch der abstrakte Farbraum, in dem sie sich aufhalten, bleibt unbestimmt. Nur ihre Schatten und Straßenbekleidung wie Jacken und Umhängetaschen verorten die gezeigte Situation im Außenraum. Zuweilen verharren die Figuren und schauen wohl bedächtig in die Weite. Es bleibt dem Betrachter überlassen, ihr Streben zu deuten. Die Figuren geben selbst keine Auskunft über sich. Die meisten haben ihr Gesicht abgewandt und gewähren keinen Blickkontakt, was sie distanziert. Rückenfi guren nehmen den Blick des Betrachters dabei mit ins Bild hinein. Da die Künstlerin sich nicht in Details verliert, ist das Antlitz der Wenigen, die ihr Gesicht zeigen, vereinfacht. Somit bleiben sie anonym und undurchdringlich. Die Figuren sind nicht individualisiert, sondern typisiert. Sie geben damit eine Projektionsfl äche für den Betrachter, der sich in sie hineinversetzen kann. Dies ist der Punkt, an dem die Stimmung des Bildes den Betrachter berührt. Die Isolation und Einsamkeit der Figuren in dieser unwirklichen, unbekannten und unendlichen Weite der Umgebung kann unmittelbar nachempfunden werden. Es ist ein Gefühl des Ausgesetztseins in einer Welt, die
fremd geworden ist. Schutzlos sind die Figuren dieser Welt ausgeliefert, denn um sie herum existiert nur Leere. Das Schreiten und Ausschauhalten in die Ferne ist ein Sehnsuchtsmotiv, das seinen emotionalen Gehalt unmittelbar überträgt. Die Figuren selbst tendieren in der Vereinfachung zum Abstrakten, in der Unbestimmtheit von Figur und Raum übermitteln sich die existenzielle Bedrohung und die
Frage nach der menschlichen Existenz an sich; die äußeren Umstände geben dem Menschen Bedingungen vor, denen er sich stellen muss. Als Betrachter kann man sich auch deshalb so gut mit diesen Figuren identifizieren, weil sie so alltäglich, ja geradezu vertraut erscheinen. Es sind im wahrsten Sinne des Wortes Menschen wie du und ich, die ihrem gewohnten Tun nachgehen. Die scheinbare Belanglosigkeit dieser Szenen, die Aspekte menschlichen Daseins zeigen, ist im Entstehungsprozess dieser Bilder begründet. Die Künstlerin macht mit ihrem Fotoapparat zunächst Schnappschüsse, um dann später im Atelier einzelne Figuren aus ihrem Zusammenhang und den Menschenmassen heraus zu nehmen und in die leeren Bildräume zu stellen. Dabei werden sie neu komponiert, schematisiert und bisweilen auch wieder ü̈bermalt, wenn sie der Künstlerin nicht stimmig erscheinen. Aus der Banalität und Zufälligkeit der gewöhnlichen Szenerie eines Fotos entsteht somit ein atmosphärisch verdichtetes Gemälde von stiller Schönheit. Mit all diesen Maßnahmen vermag die Künstlerin etwas über ihre Figuren zu vermitteln, das zwar visuell erfasst wird, jedoch nur emotional erfahren werden kann und vom Individuellen des Fotos zum Allgemeingültigen des Gemäldes geworden ist. Die Künstlerin interessiert, wie Menschen sich im öffentlichen Raum bewegen, in ihren Bildern wiederum wird dieser Raum durch die Bewegung der Figuren defi niert. Ruth Bussmann arbeitet in Serien, was es ihr ermöglicht, ein Thema stärker zu durchdringen und das ganze Potential eines Motivs auszuschöpfen.
Die Künstlerin erfasst das Wesentliche dieser Figuren, die im Schaffensprozess all ihren umgebenden, narrativen Ballast verloren haben und nun neuen Bedeutungszusammenhang gewinnen. In der Reduktion geben diese Bilder nicht die Wirklichkeit wieder, sondern in ihrer Farbigkeit und Komposition schwingt auch immer die Stimmung der Künstlerin während des Malprozesses mit. Der künstlerische Eingriff entwickelt dabei Farbharmonien und Formgleichgewicht. Besonders offenkundig wird dies in den Hinter- und Untergründen. Die Figuren sind in ihrem Bewegungsfl uss zeitlos erstarrt, der kurze Augenblick des Schnappschusses wird damit in die Ewigkeit auf der Leinwand ausgedehnt. Die unwiederbringliche Einzigartigkeit einer Situation wird für immer konserviert. Die Spannung der Bilder von Ruth Bussmann liegt somit nicht nur in dem Verhältnis von Gegenständlichkeit und Abstraktion, Fläche und Tiefe, sowie Figur und Raum, sondern auch in der Darstellung von Zeit, wobei ein fl üchtiger Moment ins Endlose erweitert wird.

Ruth Bussmann wurde 1962 in Kirchhellen geboren. Von 1981 bis 1985 absolvierte sie eine Ausbildung zur Grafikerin. Danach war sie bis 1992 freiberufl ich als Grafi kerin tätig. 1992 bis 1994 studierte sie an der Kunstakademie Münster bei Prof. Jochen Zellmann und 1994 bis 1997 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Beate Schiff, bei der sie auch Meisterschülerin war. Ihren Akademiebrief erhielt sie im Jahre 1997. Im Jahre 1998 wurde sie zum 9. Europäischen Festival Arte Viva in Italien nominiert, den Kunstpreis der Sparkasse Bayreuth erhielt sie 2001. Ruth Bussmann lebt und arbeitet in Velbert-Langenberg. Seit 2000 zeigt sie ihre Arbeiten bei zahlreichen Messen und Ausstellungen.